Cinéclub

Vertigo, Alfred Hitchcock (USA, 1958, Edf)

Vertigo, Alfred Hitchcock (USA, 1958, Edf)

Dienstag 15. Januar, 16:10 Uhr, Aula

In wenigen Worten :

In Vertigo folgen wir John « Scottie » Ferguson, einem ehemaligen Polizeiinspektor, der von einem seiner Freunde beauftragt wurde, dessen Frau Madeleine zu folgen. Es besteht nämlich der Verdacht, dass sie von ihrer Vorfahrin Carlotta Valdès verfolgt wird... aber je weiter die Untersuchung geht, desto verwobener wird das Geheimnis um Madeleines Identität.

 

Darüberhinaus :

Claude Chabrol, ein französischer Regisseur, Kameramann und Lügner, ist der Ansicht, dass es drei Kategorien von Filmen gibt: Ungerade Filme, gerade Filme und schlechte Filme. Ungerade Filme machen Produzenten glücklich, weil sie das Publikum von der ersten Vorstellung an verführen, bevor sie es beim nächsten Mal enttäuschen. Damit sind mindestens zwei Kinobesuche gewährleistet. Gerade Filme hingegen wirken beim ersten Mal harmlos, zeigen sich aber in ihrer ganzen Pracht, wenn man sie wiederholt sieht. Noch ausgeprägter ist dieser Effekt, wenn der Film mit einem gewissen Ruf behaftet wird: “Wozu das alles? Und so viel Aufregung um Nichts? Es gibt wirklich Garnichts, was an diesem Film eine große Rolle spielen könnte!”

Vertigo ist zweifellos ein gerader Film. So wurde er von der Öffentlichkeit und den Kritikern ignoriert, als er herauskam. Erst durch das «Korrekturlesen» erhielt dieses akribische Labyrinth aus falschen Spuren seinen Status als Meisterwerk.

Mit Vertigo erforschte Hitchcock den Begriff des Schwindels eingehend. Nebst der vielschichtigen Story ist auch die Kamera ständig Quelle dieses seltsamen Unbehagens, das einem Höhenangst suggeriert. Dabei vermag das Medium Perspektiven so zu inszenieren, dass der Boden, der auf uns zukommt und sich vor unseren Augen erstreckt, in Spiralen, Voluten und anderen konzentrischen Strukturen wahrgenommen wird. Unsere Augen vermögen sich dabei nur schwer der unwiderstehlichen Anziehungskraft dieser Bilder entziehen.

Aber Hitchcock geht weit über eine rein physikalische, kinetische und chromatische Erforschung des Phänomens hinaus. Der physische Schwindel ist in der Tat ein Sprungbrett für den Einsatz eines echten ontologischen Schwindels, den die Zuschauer durch Scotties Augen erleben. Gespielt von John Stewart, erlebt dieser Charakter eine Achterbahn der Emotionen; als ständig halluzinierender und verblüffter Protagonist scheint er sich im Geheimnis um Madeleines wahrer Identität zu verlieren. Wer ist sie? Ist sie jemand anderes? Wer war sie? Existiert sie wirklich? So viele Fragen, dass sich dem Zuschauer der Kopf dreht, wenn er sich visuell mit einem großartigen und schwindelerregenden Spiel von Aussehen und Formen konfrontiert sieht, das sich zwischen Scottie und dem Objekt seiner Begierde stellt. Dabei ist nicht bloss sein Verlangen nach Wahrheit, sondern auch das fleischliche Verlangen gemeint, das die objektive Suche nach Madeleines wahrer Identität zusehends erschwert. Denn die Liebe, die Leidenschaft vernebelt allmählich die Sinne des Ermittlers, und er gerät alsbald in eine Spirale aus widersprüchlichen Dynamiken. Vielleicht befinden wir uns also mittendrin im Schwindel: Wenn Madeleine also nicht diejenige ist, die sie zu sein scheint, in wen ist Scottie dann verliebt?

Vertigo ist Hitchcock pur: Er zeichnet uns darin das Bild einer Liebesgeschichte, indem er vorgibt, einen Krimi zu erzählen, der stets vom Fantastischen überschattet wird. Dabei wird der Zuschauer Zeuge von Scotties Kampf zwischen Wahn und Wirklichkeit.

In Vertigo ist es Hitchcock, der uns anlügt, der uns so gut anlügt, dass wir nicht mehr wissen, wo Oben und wo Unten ist.

The Truman Show, von Peter Weir (AUS, 1998 E/d/f)

The Truman Show, von Peter Weir (AUS, 1998 E/d/f)

Donnerstag 6. Dezember, 16h10, Aula

In wenigen Worten :

Truman Burbank, ein Versicherungsvertreter mit einer friedlichen und sorgfältig geplanten Existenz, ist unwissentlich der Held einer Reality-Show. Aber seine Träume passen nicht zum Drehbuch von The Truman Show…

 

…und einige mehr:

Die ganze Spannung der Truman Show liegt im Namen ihres Protagonisten.

Truman, wie sein Vorname schon sagt, ist das einzige authentische Wesen in Seahaven. Was er für eine kleine und saubere Inselstadt hält, ist in der Tat ein gigantisches Fernsehstudio voller Kameras und Mikrofone, bevölkert von Schauspielern und Statisten. In diesem künstlich konstruierten Städtchen, in dem selbst das Wetter den Einschränkungen des Szenarios gehorcht, ist nur Eines dem Zufall überlassen: „Truman ist echt. Kein Skript, kein Prompter. Es ist nicht immer Shakespeare, aber es ist authentisch.“ Das ist das Versprechen von Christof, dem Regisseur der Show: Trumans Offenheit fasziniert das Publikum. Ob auf seinem Sofa, in einem Bistro, bei seinem Job, oder sogar in seiner Badewanne, wir folgen ihm auf Schritt und Tritt. Ohne Unterbruch. Zu Tausenden. Wenn die Funktion existierte, würden wir pausenlos den „Like“ Button drücken.

Truman ist das genaue Gegenteil von einem Youtuber oder von jemandem, der an einer Reality-Show teilnehmen würde. Die Intimität, die er völlig unbeabsichtigt zeigt, wird nie gespielt – auch wenn sie von den Showproduzenten oftmals dazu instrumentalisiert wird, um Alltagsprodukte anzupreisen, bleibt Truman sich und seiner Ideale treu.

Weniger transparent verweist der Familienname des Protagonisten, Burbank, auf die Lüge seiner Existenz. Tatsächlich führte die kleine Stadt Burbank, Kalifornien, während des Zweiten Weltkriegs ein Doppelleben. Als strategisch wichtiger Flugplatz wurde sie mit Hilfe von Hollywood-Schriftstellern, Landschaftsplanern und Technikern als friedlichen Vorort getarnt. Vom Himmel aus zeigte die Stadt das Ballett harmloser Zivilisten, die zur Arbeit gehen oder Felder und Rasenflächen pflegen, während die Flugzeugfabriken, versteckt unter Planen, hinter den Kulissen weiterhin die P-38-Kämpfer produzierten, die den Japanern das Leben schwer machen sollten.

Während Christof Trumans Spontaneität als Herzstück seiner Show vorantreibt, ist sie einer ständigen Manipulation ausgesetzt. Dabei strebt der Regisseur an, die Persönlichkeit und die Wünsche des Protagonisten, den er als sein Geschöpf sieht, so darzustellen, dass dessen Leben mit dem von ihm geschriebenen Drehbuch verschmilzt.

Was wird wohl passieren, wenn Truman beginnt, die gut geölte Mechanik seiner Existenz in Frage zu stellen? Und was wird jenseits des Schicksals des Protagonisten mit uns, den Zuschauern, Neugierigen, Voyeuren, passieren? Was empfinden wir für diejenigen, die wir beobachten? Mitleid? Neid? Ärger? Gutmütige Gleichgültigkeit? Und vor allem...wozu schauen wir sie uns überhaupt an?

John Carpenter: They Live. USA, 1988, E/d/f

John Carpenter: They Live. USA, 1988, E/d/f

Dienstag, 9. Oktober, 16:10 Uhr, Aula

 

In wenigen Worten:

John wandert durch Los Angeles. Er bekommt eine Brille, die es ihm ermöglicht, die Welt so zu sehen, wie sie ist: vollständig von Außerirdischen Aliens kontrolliert.

 

…und einige mehr:

They live…aber wer ist gemeint?

John Nada ist die Hauptfigur des Films und hat einen stereotypischen Vornamen, und einen Nachnamen, der alles oder nichts bedeutet, nada. Er ist eine Idee, ein Konzept. Er ist nichts - ohne Herkunft, ohne Vergangenheit, ohne Familie - hat nichts - kein Haus, keine Gegenstände - und wandert auf der Suche nach einem Job in einem Vorort von Los Angeles am Rande der Auflösung. Er ist die Inkarnation der Armut, er ist das Nichts, das die Gesellschaft bestenfalls dazu bringt, es aus der Welt zu verbannen, im schlimmsten Fall mit dem Daumen oder ihren Worten zu zerquetschen - weniger als nichts, ein Nichtsnutz. Er verkörpert Arbeitslosigkeit, Armut, Marginalität, Einsamkeit. Er ist derjenige, der manchmal – oft? – von der Gesellschaft verdrängt wird, um vorzugeben, dass alles in Ordnung ist; er ist auch gegen das System, ein wenig gegen seinen Willen. Nada! John wird aber nicht aufgeben. 

Obwohl John Nada mehr schlecht als recht lebt, gibt es auch die “Anderen”, und da wird es schwierig.

“Sie”, die ihr Leben ohne Stolpersteine, aus makellosen Glastürmen, sonnigen Feiertagen und Kaffeepausen zwischen zwei Mittagessen darstellen. Aber “sie”, die mit ihren Aktenkoffern zeigen, dass sie es geschafft haben, scheinen plötzlich in den Augen Johns den Schrecken der modernen Welt und die heimtückische Dominanz, die ihr zugrunde liegt, zu verdichten. In Johns Augen, weil nur eine mysteriöse Brille, die zufällig in einer Kirche gefunden wird, es ihm ermöglicht, im wahrsten Sinne des Wortes die Realität unter dem Schein, die Wahrheit unter der List, die ideologischen Intrigen unter dem Lack des Realen wahrzunehmen. Wie können wir, wenn wir “Nichts” wie John Nada sind, diese zugrunde liegende Bedrohung bekämpfen? Was können wir gegen die tun, die den Fortschritt der Welt kontrollieren und die Realität zu ihrem Vorteil manipulieren?

Der andere John, diesmal Carpenter, bietet mit They Live eine filmische Antwort auf diese Fragen. Eine Antwort in Form eines tollwütigen politischen Feuerballs mit entzückendem Charme der achtziger Jahre, einen gefälschten Science Fiction B-Movie, der unter einer Reihe von unglaublich veralteten Haarschnitten zeitlose Herausforderungen für unsere Gesellschaften verbirgt, Gesellschaften in denen Freiheit und ideologische Versklavung so miteinander verflochten sind, dass die Grenze zwischen den beiden manchmal schwer zu erkennen ist. John Carpenters Verfilmung ist ein Aufschrei, der sich zu seiner Zeit gegen Ronald Reagans ultraliberale Politik richtete. Er zwingt seine Zuschauer eine Brille zu tragen, die die Realität offenbart, eine Realität, die weh tut. Ist das nicht ein idealer Start in eine Cinéclub-Saison, die unter dem Motto steht, einen Schleier zu lüften?

Saison 2018-2019 - Vorhang auf!

Saison 2018-2019 - Vorhang auf!

Vorhang auf für die zugleich neue und erste Saison des Cinéclubs des Gambachs.

Spitzen wir die Ohren, öffnen die Augen und freuen uns auf das Programm, mit welchem Matthieu Troillet & Olivier Vonlanthen für die Overtüre dieses erstmals stattinfindenden, aber doch  traditionell gehaltenen Cinematographie-Ereignis aufwarten. 

Wir sehen uns dann im Kino!

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Vorschau auf die Saison 2018-2019