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Mad Max Fury Road, von George Miller

Mad Max Fury Road, von George Miller
  • AUS, 2015, Edf Donnerstag 1. Oktober, 16h10, Aula

Kurz gesagt:

Von einer schweren Vergangenheit heimgesucht, glaubt Mad Max (Tom Hardy), dass der beste Weg zu überleben der ist, allein zu sein. Er wird jedoch bald aus seiner Einsamkeit gerissen, als er von der Karawane der Furiosa (Charlize Theron) abgeholt wird, die in einem Ungetüm von einem Lastwagen eine Gruppe Rebellen durch die desolate Wüste führt. Sie fliehen nämlich aus der Zitadelle, in der der schreckliche Immortan Joe wütet, nachdem ihm etwas Unersetzliches geraubt wurde. Ausser sich vor Wut schickt dieser Kriegsherr seine Männer, um die Rebellen rücksichtslos zu jagen...

Darüberhinaus:

Aus der Ferne betrachtet, sieht Mad Max aus wie ein Männerfilm. Zwischen einem Filmplakat, auf dem Schlamm, Gewehre und Wüste gefeiert werden, und einem Trailer, auf dem V8 und andere verstärkte Motoren in einer beispiellosen Flut von Aktionen zu sehen sind, könnte George Millers letzter Film in der Tat als die Inkarnation des frauenfeindlichsten Hollywoods durchgehen: eine dem Männlichkeitskult gewidmete Filmkunst, die die Größe des Gewehrs oder des Autos feiert, währenddem die Frauen auf den Rang von Trophäen für Männer reduziert werden und nicht genau wissen, weshalb Männer Krieg führen... In Mad Max Fury Road taucht der wahre Mann tatsächlich direkt im Titel des Films auf; Max, einen verrückten Max, auf dem Road Trip des Grauens, wo die Leichen als Road Kill den Strassenrand säumen und der Horizont Freiheit verspricht, in einer Welt, die von Gewalt und motorisierten Konfrontationen geplagt ist.

Ja, Mad Max Fury Road scheint dies zu inszenieren.

Aber nicht nur das, oder vielleicht besser gesagt, nicht wirklich das.

Denn die eigentliche Hauptfigur des Films ist in der Tat Furiosa, und es ist in der Tat ihr Suchtrupp, welcher der von George Miller verfilmten Erzählung Bedeutung verleiht. Furiosa stammt aus einer matrilinearen Kultur, aus der sie herausgerissen wurde, um die rechte Hand des Patriarchen und Diktators Immortan Joe zu werden, eines Kriegsherrn, der seine Herrschaft auf dem Wassermonopol in einer von einer nuklearen Apokalypse verwüsteten Welt aufbaute. Furiosa wendet sich gegen ihren Führer, indem sie ihm das stiehlt, was er als kostbarstes Gut erachtet: fünf seiner vielen Frauen, von denen er sich einen “perfekten” Sohn erhofft. In diesem Zusammenhang ist die von Charlize Theron gespielte Figur keine Kopie des harten, männlichen Helden und trotzt allen Macho-Klischees von der “starken Frau”, deren einzige Qualität wäre... sich wie ein Mann zu verhalten. Furiosa lehnt die Herrschaft der Männer ab, ist solidarisch mit den Frauen, und ihre Schönheit wird in ihrer Unvollkommenheit gefeiert, ohne dass sie jemals thematisiert wird. Aber sie verkörpert auch und vor allem den Kampf gegen eine toxische und dekadente Männlichkeit, die von der Idee der männlichen Abstammung und dem Besitz von Frauenkörpern besessen ist, deren Herrschaft nicht nur auf sexueller Gewalt, sondern auch auf sozialen und ökologischen Strukturen beruht.

"We are not things! "schreit die Figur von Splendid in einem Slogan, den Furiosa in einem zutiefst politisierten Wutschrei aufgreifen könnte.

Was Max betrifft, der dem Film seinen Titel gibt, so ist er ein Mann in Ketten, der einen Maulkorb trägt, auf den herabgeblickt wird, von anderen Männern wie eine Ware behandelt wird und eine Stunde lang keinen Namen hat. Es ist das Schicksal so vieler Frauen, im Film und im Leben. Seine Präsenz wird allmählich zu der eines zweitrangigen, grundlegenden, aber selbstvergessenen Charakters, der Furiosa Raum und Stimme überlässt.

Ist dies ein Film, der Männer stigmatisiert?

Nein, und zwar dank der Figur von Max; verrückt aber solidarisch, ein Mann ohne Ego, befreit von seinen Fesseln (die Fesseln des Gebotes der Männlichkeit? der Unterwerfung unter Moralvorstellungen, die der Idee der Männerherrschaft unterworfen sind?), auch dank der Figur von Nux, einem von Unsicherheiten und Widersprüchen durchdrungenen Jüngling, der nie aufhört, seine Unterwerfung unter die Autorität des Vaters in Frage zu stellen. Dank dieser wenigen "gerechten Männer", verloren in einer Welt von Männern, die - in jedem Sinne des Wortes - toxische Männer sind, schaffen die wenigen Ausnahmen eine Hoffnung auf die Möglichkeit von Adelphie (Verschwisterung), der Bedingung einer Menschheit wahrer Solidarität.

 

Einen alternativen Trailer des Films finden Sie auch auf dem youtube des Cinéclubs: https://www.youtube.com/watch?v=_Ef0YlTY2Cs&ab_channel=Fen%C3%AAtressurCour

PRÄSENTATION DER SAISON 2020-2021

« En voiture Simone ! »

« Le cinéma ne nous donne pas une image à laquelle il ajouterait le mouvement, il nous donne immédiatement une image-mouvement. » 

(Gilles Deleuze, Cinéma I : L’image-mouvement, 1983)

« En voiture Simone ! » Der Cinéclub Fenêtres sur cour lädt Sie während der Saison 2020-2021 dazu ein, mit gutem Gewissen Ihren CO2-Fußabdruck zu sprengen. Dazu brauchen Sie aber weder ein Luxusauto noch ein Abonnement des Magazins Turbo. Der Cinéclub nimmt Fahrt auf, indem er Sie auf eine kraftvolle, motorisierte Reise mitnimmt, die Sie ans Steuer von Diesellastwagen, Lokomotiven oder auf den Beifahrersitz eines größenwahnsinnigen Opernliebhabers stellt.

Zu Beginn unserer Reise besteigen wir post-apokalyptische Maschinen, die im Zickzack durch eine glühende Wüste rasen und mit jedem Gangwechsel die Abgaswolken aus ihren V8 ausspucken. Wir blicken dabei jedoch nicht auf eine fröhlich vor sich hin hupende Simone, sondern auf die einarmige Furiosa. Das Steuer fest in der einzigen Hand, den Bleifuss bis zum Anschlag aufs Gaspedal gedrückt – so nimmt sie uns auf eine abenteuerliche Verfolgungsjagd durch die Ödnis einer Welt in Trümmern. Ihr fehlender Arm ist dabei kein Handicap, sondern ein Zeichen für die zusätzliche Stärke, die man als Frau leider zeigen muss, um einem Mann in gewissen Situationen gleichgestellt zu sein – im Film wie im Leben.

In einem Lastwagen werden wir dann ins Herz eines phantasievollen Amazonasgebietes voller Gefahren reisen. Es erwarten uns dort ein paar Abtrünnige, die – unter Mitführung von reichlich Nitroglyzerin - nach Erlösung suchen. Dabei werden wir Zeuge des womöglich einzigen Suspension Films, der je gedreht wurde. Noch nie zuvor haben Achsen, Reifen und Karosserie eine größere Rolle in einem Film gespielt. Sie glauben uns nicht? Fragen Sie den Mechaniker Ihres Vertrauens!

Im Zug machen wir uns auf die Suche nach einer Liebe (und einem Zug), die in Richtung Osten unterwegs ist. Auf dem Weg werden wir 2.287 Meter Film mit Buster Keaton zurücklegen. In seiner Rolle geht Buster als badass in die Kinogeschichte ein, die einem Tom Hardy in nichts nachsteht und noch eine Prise Melancholie und Slapstick oben draufgelegt. Kein Wunder also gilt der Film als Werk des Weltkinoerbes, das sich nicht von zeitgenössischen Produktionen in Acht nehmen muss. Yes indeed, General.

In einem wandelnden Schloss, einer Steampunk-Variante der Karawane, die aus dem exzentrischen Geist des Genies Hayao Miyazaki entstand, durchqueren wir die traumhaften Landschaften eines zusammengewürfeltes Europas, welches das viktorianische England, das habsburgische Österreich und das Paris der Belle Époque vermischt. Als Katalysator von Phantasien und Träumen von atemberaubender Schönheit ist die Miyazakian-Maschine eine wahre Fabrik der Fiktion, die wir gerne mit Ihnen besuchen würden.

In einem Schiff werden wir mit dem legendären Klaus Kinski einem wahnsinnigen Traum nachjagen. Wenn Kinski das Ruder übernimmt, kann man als Zuschauer davon ausgehen, dass seine Darstellung Berge versetzt, um das verrückte Projekt nach seinem (Un-)Maß zu verwirklichen; schliesslich geht es hier um die Finanzierung einer Oper inmitten des Amazonas-Waldes. Noch einmal kehren wir an diesen wilden, magischen Ort zurück, der eine ungemein starke Anziehung auf grössenwahnsinnige Filmemacher hat.

In einer zum Fotoautomaten umgewandelten Karawane, werden wir schliesslich in Begleitung der Filmemacherin Agnès Varda und des Fotografen J.R. durch das ländliche Frankreich reisen. Auf einer Autoreise ohne Fokus auf Mechanik und Geschwindigkeit, werden wir dort Zeuge der Bewohner und feiern dabei ihre Blicke, ihre Gesichter und ihre Dörfer.

« En voiture, Simone ! », durch die Vielzahl an Fahrzeugen, die wie so viele Traum- oder Albtraum- (!) Maschinen dröhnen, bietet der Cinéclub Ihnen Gelegnheit, das Kino als das zu feiern, was es im Grunde ist: eine Kunst der Bewegung.

Ready for the ride ?

Für den Cinéclub,

Olivier Vonlanthen & Matthieu Troillet